Das Alter braucht ein neues Image

 

Jeder möchte alt werden - aber niemand möchte alt sein!
Altsein wird assoziiert mit Abbau. Abbau der Schönheit, der Hirnleistungen, der Leistungsfähigkeit und der Gesundheit.
Woran liegt das?
Schon das Wörtchen «alt» hat, ausser für den Antiquitätenhändler und den Denkmalscutz, ein schlechtes Image. Alt ist das Gegenteil von neu! Altes Zeug landet im Abfall, auf dem Kompost oder in der Kehrichtsammelstelle und wird bestenfalls recycelt. Alt ist das Gegenteil von jung. Die Werbung der Kosmetik - und zum Teil auch die Nahrungsmittelindustrie -  untermauert das schlechte Image und wirbt für ein «jüngeres Aussehen», für» jugendliche Dynamik». Wenn nur Jungsein attraktiv ist, ist Altsein nicht erstrebenswert. Es könnte auch für «ein reifes Aussehen» oder für «das Potential des erfahrenen Seniors» geworben werden.
Das defizitäre Altersbild gewinnt mit der Pensionierung von einem Tag auf den andern erst recht an Bedeutung. Der 65-Jährige muss in den Ruhestand treten. Heisst das, dass seine Kräfte verbraucht sind? Kann er nicht mehr Schritt halten mit den jungen Arbeitnehmern?

Am schlechten Image fürs Altsein sind wir Senioren zu einem bedeutenden Teil selbst schuld. Auf die Frage: «Wie geht es dir?», folgt häufig die Antwort: «Man merkt das Alter!» oder «Man ist ja nicht mehr jung!» Solche Antworten vermitteln die Vorstellung vom unausweichlichen biologischen Abbau.
Ein gewisser biologischer Abbau ist Realität. Die Zellen erneuern sich langsamer, die Herztätigkeit wird schwächer, die Sehkraft und das Gehör lassen nach, die Haut wird trockener, die Potenz verringert sich, die Knochen werden porös.
Ist der Mensch diesen Veränderungen machtlos ausgeliefert? Nein. Der Abbau (so wie der Aufbau) wird zum Teil von den Genen bestimmt. Der Abbau ist aber auch das Ergebnis der Lebensführung in den jungen und mittleren Lebensjahren. Wer sich jahrelang von Fastfood ernährt hat, muss sich nicht wundern, wenn seine Gesundheit schliesslich leidet. Wer einen körperlich sehr anstrengenden Beruf ausübte, exzessiven oder gar keinen Sport getrieben hat, muss sich nicht wundern, wenn sich Verschleisserscheinungen bemerkbar machen, seine Muskeln schwinden, seine Gelenke leiden. Wer sein Gehirn nicht regelmässig herausgefordert hat, muss sich nicht wundern, wenn es abbaut.
Es gilt von der Kindheit bis ins hohe Alter: Use it or lose it!

 

Es gilt jedoch ebenso: Es ist nie zu spät!
Der natürliche biologische Abbau kann verlangsamt, kompensiert, ja zum Teil sogar gestoppt werden und das bis ins hohe Alter. Dazu braucht es zuerst eine andere Einstellung, ein anderes Image vom Alter. Schon Cicero sagte: Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung. Siehe:

 

Die Risikogruppe

Die Alten sind die Schuldigen, der Grund für die Schliessung der Restaurants, der Kinos, der Fitnesscentren, für das Social distancing, für die Schliessung von Läden, für die Wirtschaftskrise usw. 

Es sei zum Schutz der Risikogruppe. Alle müssen solidarisch sein mit der Risikogruppe, das Gesundheitssystem würde völlig überfordert.

Die Statistiken verursachen Angst und Panik. Und die Massnahmen verursachen Unsicherheit, Misstrauen bei Begegnungen, Stress und Existenzängste, Einsamkeitsgefühle und schliesslich auch Aggression – verständlicherweise auch gegenüber den Senioren.

 

Seit drei Jahren bemühe ich mich mit Vorträgen das Image des Alters zu verändern.

«Alt» heisst nämlich noch lange nicht dement, krank, hinfällig, zerbrechlich, schlechtes Imunsystem  etc. Die sogenannte 3. Lebensphase (also ab 65) ist gefüllt mit der heterogensten Menschengruppe, viel heterogener als alle vorangegangenen Lebensphasen.

Es ist eine wunderbare Geste der Solidarität, eine Geste der Empathie, wenn auf kranke Menschen Rücksicht genommen wird. ABER es ist nicht in Ordnung, dass alle Senioren ohne Differenzierung - in den gleichen Topf geworfen werden.

Diese Verallgemeinerung

  1. schadet dem Bild des Alters enorm.

  2. Fehlen dadurch die wertvollen Ressourcen der Senioren: Senioren, die Enkel hüten, im Rot-Kreuz-Fahrdienst tätig sind, beim Mahlzeitendienst, Senioren, die ihre wertvollen Lebens- u Berufserfahrungen in verschiedensten Betrieben einbringen können.

 

Ich vermisse eine Statistik, die darstellt, wie viele Senioren nicht getestet wurden, welche allenfalls eine leichte, nicht ärztlich behandelte Grippe (ob Covid 19 oder nicht) durchgemacht haben.

Es ist hinreichend bewiesen, dass Stress, Existenzängste Magenprobleme, Herzprobleme usw.  verursachen können und das Immunsystem schwächen. Dabei sollte doch gerade jetzt das Immunsystem gestärkt werden!

 

Eine grossangelegte Studie (während 23 Jahren mit über 1000 Personen) der Gerontologin Becca Levy an der Yale Universität hat schon vor über 20 Jahren gezeigt, dass Menschen mit positiver Einstellung zum/im Alter 7,5 Jahre länger leben!

Wie kann ich nun die positive Einstellung behalten, wenn ich – als top fitte Seniorin nur wegen des Alters – ich bin 72 - zur «Risikogruppe» zähle?  

                                                                                März 2020

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 2020  Ursula Eisenring